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Afghanin gibt Einblicke in die Menschenrechts-Situation am Hindukusch

Lüneburg – Das Glockenhaus in Lüneburg war gut besucht. Früher wurde es als Zeughaus, also Waffenarsenal verwendet. Nun dient es friedlichen Zwecken, denn seit einigen Jahren finden dort regelmäßig Veranstaltungen statt. Der Ort bot also einen geeigneten Rahmen, aber irgendetwas musste die etwa 80 Zuhörer von den unweit gelegenen Glühweinständen des Weihnachtsmarktes hergelockt haben.

In der Vorweihnachtszeit sollte die Menschenrechts-Situation in Afghanistan nicht das große Interesse auslösen, aber weitgefehlt! Die Besucher konnten sich am Buffet laben. Zum Auftakt stellte die Blues-Band „Mojo Workers“ aus Lüneburg ihr Können unter Beweis. Da fingen unwillkürlich die Füße an zu wippen. Die Band gab am Anfang und in der Pause musikalischen Perlen des frühen Blues und Jazz von Robert Johnson, Big Bill Broonzy, Blind Blake und anderen Legenden zum Besten.

Aber es wäre keine Veranstaltung der Lüneburger Gruppe von „Amnesty International“ gewesen, wenn nicht auch auf die fatale Menschenrechtssituation in anderen Ländern, zum Beispiel Usbekistan aufmerksam gemacht worden wäre. Ein beredtes Zeugnis der Menschenrechts-Situation in Afghanistan konnte die Journalistin Farida Nekzad abgeben.

Fast jeder Tag ist angefüllt mit Attentaten mit mehr als 100 Opfern. Der neue Präsident Aschraf Ghani Ahmadsai macht viele Versprechungen, denen aber auch Taten folgen müssten. Massenvergewaltigungen sind beispielsweise kein absolutes Novum. Dass Farida Nekzad bei dieser Konstellation Angst um ihre Tochter hat, ist nicht verwunderlich. So bekennt sie auch freimütig, dass sie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit zurückkehren dürfte, zehn Prozent wären allerdings ungewiss.

Farida Nekzad lebt nunmehr in Hamburg in Obhut der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“, denn ein Aufenthalt in ihrem Heimatland wäre für sie und ihre Tochter zu gefährlich. Dort sind seit dem Jahr 2002 über 20 Journalisten getötet worden. Die Stiftung der Hamburger Presse und die Spender von „betterplace“ unterstützen ebenfalls den Aufenthalt von Farida Nekzad.

Sie möchte Kontakt zu deutschen und internationalen Kollegen aufnehmen. Dieses Anliegen traf in Person von Dr. Elke Grittmann auf eine kongeniale Ergänzung. Dr. Elke Grittmann verstand es, mit einer ungemein geschickten Frageführung das Gespräch im tiefen Fahrwasser zu halten und dem Zuhörer neue Perspektiven zu eröffnen. Sie ist Gastprofessorin für Kommunikationswissenschaft am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM) der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Theorie und Analyse visueller Kommunikation. Wie die Gesprächsrunde zeigte, verfügt sie aber auch über eine enorme auditive Begabung.Die Brüder waren dagegen. Auch ihr Ehemann hat protestiert, aber nur einmal. Während Afghanistan von den fundamentalistischen Taliban regiert wurde, konnte Farida Nekzad in Pakistan Arbeit finden. So gelang es ihr, sich ihre Freiräume zu schaffen. Zum Schwerpunkt ihrer Arbeit wurden die Menschenrechte, aus dem sich insbesondere die Frauenrechte herausschälten.

Nach dem Sturz der Taliban konnte sie im Jahr 2001 nach Afghanistan zurückkehren. Die im Jahr 1976 geborene Journalistin arbeitete weiter in Kabul, wo sie Chefredakteurin von Pajhwok Afghan News wurde. Das ist die führende unabhängige Nachrichtenagentur in Afghanistan. Im Jahr 2004 war Farida Nekzad eine der Gründerinnen dieses Presseorgans. Pajhwok bot täglich Nachrichten in Englisch, Paschtu und Dari an. Mit den beiden Sprachen kam ihr Heimatland nicht zu kurz. So konnte sie Entwicklungen befördern.

Zusammen mit ihrem Mann gründete sie im Dezember 2009 die Nachrichtenagentur "Wakht", die sie bis zum Februar 2012 leitete. "Wakht" heißt auf Deutsch „Zeit“ und beschäftigt 24 investigative Journalisten, die in allen 34 Provinzen Afghanistans recherchieren. Seit 2012 ist Farida Nekzad zudem Vorsitzende der "South Asia Women in Media".

Im Grunde ist ihr Wirken ein Zeugnis der Aufbruchsstimmung. Nach dem Sturz der Taliban entstanden in Afghanistan etwa 500 Zeitungen, 50 Radiosender und 50 Fernsehsender. Das bedeutete für ausgebildete Journalisten ein großes, wachsendes Arbeitsfeld. Seit dem Jahr 2007 lässt die Euphorie allerdings nach, denn die Zensur hat in jüngster Zeit wieder zugenommen. Viele Bürgermeister in der Provinz sorgen mit der Einschüchterung der Presse für ein ihnen gut gewogenes Umfeld.

Darüber hinaus wurden im Iran in den letzten 30 Jahren aber 47 Journalisten ermordet. Die Angst hätte sich bei ihr mittlerweile eingefleischt“. Menschenrechte werden in Afghanistan in vielfältiger Weise verletzt. Auf der Rangliste bezüglich Pressefreiheit der „Reporter ohne Grenzen“ schafft es Afghanistan nur auf Rang 128.

Da die Einwohner im Land am Hindukusch vornehmlich Analphabeten sind, stellte Grittmann die folgerichtige Frage, wie dort die Medienlandschaft funktioniere. Genauso logisch war denn auch die Antwort: Radio und Mobiltelefonie. Für die gebildete Oberschicht und darauf folgend durch eine Art Diffusionsprozess gewinnen soziale Medien im Internet wie Facebook auch in Afghanistan immer mehr an Bedeutung.

Die Verteilermedien in diesem Prozess - also die Journalisten - sind aber einer zunehmenden Gewalt ausgesetzt, die vom Staat und der Regierung nicht verfolgt wird. Optimistisch stimmt, dass Pajhwok bisher etwa 1000 Personen in die Pressearbeit einführen konnte. Dr. Elke Grittmann warf ein, das in Anbetracht auch dieser Zahlen im Rahmen des „Bürger-Journalismus“ die Qualitätsstandards auf der Strecke bleiben müssten. Farida Nekzad räumte ein, dass für diesen Personenkreis die qualitativen Vorgaben nur eingeschränkt gültig seien. „Profis“ verifizieren die Informationen und stellen gegebenenfalls weitere Nachforschungen an.

Sie wirbt für eine deutsche Beteiligung am Engagement am Hindukusch. Das Wirken wäre nicht umsonst. Farida Nekzad fordert weiterhin, dass die Frauen in Afghanistan wirtschaftliche Autonomie erlangen. Das entspricht allerdings nicht dem regionalen Kulturkreis. Diese Denkweise lässt sich also nur in einem langwierigen Prozess verändern. Eine Utopie „? Zur nachtschlafenden Zeit um 22.30 Uhr wurde die Veranstaltung schließlich beendet.