Folgen Sie uns:

Auf Einladung der Senatskanzlei der Stadt Hamburg und des Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) nahmen Mitglieder von Queeramnesty Hamburg im April 2013 am Fachkräfteaustausch Jugend in Hamburgs Partnerstadt St. Petersburg teil. Seit 2011 erfährt die Öffentlichkeit immer wieder von neuen Gesetzen in Russland, die das öffentliche Eintreten von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* (LGBT) für ihre Rechte einschränken sollen.

Auch in St. Petersburg sind solche Gesetze verabschiedet worden (sogenanntes Propandaverbot). Dort gilt es seitdem als Ordnungswidrigkeit, wenn Personen z. B. öffentlich für die Rechte von Homosexuellen demonstrieren. Kurz vor der Reise war es zu Durchsuchungen von Büros vieler Nichtregierungsorganisationen in ganz Russland gekommen – auch der Büros der Organisationen, die Queeramnesty in St. Petersburg besuchte.

 

Trotz dieser Einschüchterungsversuche kamen zu Beginn der „Woche gegen Homophobie und Transphobie“ im April 2013 einige Interessierte in die Büros des Vereins Deutsch Russischer Austausch St. Petersburg zu einem Vortrag über die Arbeit von Queeramnesty Hamburg. Auch der LSVD Hamburg, der die gesamte Reise organisiert hatte, berichtete über die Meilensteine seiner Arbeit. Im Gegenzug wurde von den Gastgeber_Innen das Beratungszentrum „Coming-Out“ sowie das queere St. Petersburger Filmfestival „Side by Side“ vorgestellt.

Bei einer Podiumsdiskussion bot sich den Hamburger Gästen zudem die Gelegenheit sich ein Bild über die Meinungen der vielen demokratischen Oppositionsparteien in Russland zu LGBT-Rechten zu machen. Positiv zu bewerten war die Bereitschaft dieser Parteien, für den Dialog grundsätzlich offen zu sein. Igor Kochetkov vom Verein Netzwerk LGBT zweifelte allerdings an, dass die Oppositionsparteien es mit den Anti-Diskriminierungsrechten ernst meinten, da keine expliziten Verschriftlichungen zu LGBT-Rechten in den Partei-Programmen zu finden seien. Insgesamt kam auch mehrmals zur Sprache, dass die Oppositionellen sich zusammentun müssten, um erst einmal gegen das Regime von Putin anzugehen, da jegliche Menschenrechte sonst nicht durchsetzbar wären. Am aufschlussreichsten waren dabei vielleicht die Beiträge der Zuhörer der Diskussion, die kurz über ihr eigenes Leben berichteten. Sie stellten den Politikern einfache und deutliche Fragen, die wir aus Deutschland kennen: „Warum können ich und meine Freundin und unser Kind keine Familie sein?“. Ein Politiker gab zu, dass er nicht gewusst habe, dass LGBT-Personen „so kluge und ganz normale Menschen seien“. Auch wenn diese Feststellung das Publikum überwiegend amüsierte, ­sind solche Erkenntnisse vielleicht der Schlüssel zu mehr Toleranz und Solidarität gegenüber LGBT in Russland.

Die Situation von LGBT-Jugendlichen brachte die Journalistin Lena Klimova den Zuhörern näher. Sie hatte einen Artikel über Homosexualität in Russland veröffentlicht und daraufhin Zuschriften via Facebook aus ganz Russland bekommen. Jugendliche berichteten ihr, wie sie von Schülern und Lehrern diskriminiert, von Eltern verstoßen wurden, als Kranke geheilt werden sollten und Suizidversuche unternahmen. Hier zeichnete sich ein sehr dunkles Bild: Nicht die Politik allein diskriminiert LGBT-Menschen in Russland, die Akzeptanz in der russischen Bevölkerung ist allgemein sehr gering. Viele LGBT-Jugendliche leiden an schweren Depressionen, da sie sich selbst nicht wertschätzen. Die aktuellen Gesetze verschlimmern diese Gefühle, weil keine Aufklärung unter Kindern und Jugendlichen möglich ist und somit keine Hilfestellung geleistet werden kann. Lena Klimova ist es gelungen über die Grenzen der Community hinaus sichtbar zu machen, wie es den Jugendlichen russlandweit ergeht. Das ist alles andere als selbstverständlich, da die Presse hauptsächlich negativ über LGBT berichtet.

Seit dem sogenannten Propagandaverbot, welches im Mai 2012 erlassen wurde, sind die Aktivisten_innen unsicher, inwieweit sie ihre Arbeit öffentlich weiterführen können, was verboten ist und was nicht. Darf die Regenbogenflagge hochgehalten werden oder kann es dadurch schon zur Festnahme kommen? Durch das ungenau festgelegte Propagandaverbot rufen sich Aktivist_innen bewusst und/oder unbewusst zur Selbstzensur auf. Fast alles könnte strafbar sein.

Bei einer Demonstration während der Woche gegen Homophobie und Transphobie wurde die Freilassung der 2012 willkürlich verhafteten Demonstrant_innen gefordert. Einige Oppositionsparteien waren vertreten, doch es wehte keine Regenbogenflagge, und die etwa 80 Demonstrant_innen wirkten etwas verloren auf dem weiten Troitskaya Platz in St. Petersburg. Unweit davon beobachtete die Polizei das Geschehen, so auch als Stimmung aufkam, als die Demonstrant_innen sangen „Putin solle Skifahren gehen“. In den östlichsten Teil Russlands.

Am Ende der Woche gegen Homophobie und Transphobie zeigte der „Day of Silence“ genau das auf, was die Politik Putins bewirkt: Durch Angst werden LGBT in Russland mundtot gemacht. Doch einige gehen trotzdem auf die Straße.