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Der ehemalige Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz war fünf Jahre lang in dem US-Gefangenenlager auf Kuba in Haft. Die Hochschulgruppe der Universität Hamburg lud Kurnaz im November ein, um mehr über seine Gefangenschaft zu erfahren.

Der Hörsaal füllte sich rasch mit Menschen – begierige Zuhörer soweit das Auge reichte: Auf den Treppen, auf den Gängen und selbst auf den Fensterbänken sammelten sich mehr als 750 Leute am Abend des 8.November 2012, um am Schicksal von Murat Kurnaz teilzuhaben. Sein engagierter Anwalt Bernhard Docke ergänzte den Vortrag mit interessanten Zusatzinformationen.

 

Murat Kurnaz’ Geschichte über das US-Gefangenenlager ist schlicht unglaublich. Vor mehr als elf Jahren, nämlich im November 2001, wurde er bei einer Routinekontrolle von Polizisten in Pakistan festgenommen. Kurnaz sagte, er sei in Pakistan gewesen, »um mehr über den islamischen Glauben zu erfahren« und seinen Glauben zu festigen. Nach der Festnahme in Pakistan wurde er gegen 3.000 Dollar Kopfgeld an US-Streitkräfte übergeben. Von den USA wurde der damals 19-jährige Bremer als »unlawful combatant« eingeordnet. In den Augen der USA war Kurnaz eine Person, die an einem kriegerischen Konflikt beteiligt war. Aufgrund des Verdachts, er könne mit den Terroranschlägen vom 11.September 2001 in Verbindung stehen, wurde er in das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba verlegt. Obwohl man Murat Kurnaz keine Verbindungen zu al-Qaida nachweisen konnte, wurde er fünf Jahre lang im Gefangenenlager Guantánamo unter inhumanen Verhältnissen gefangen gehalten. In seinem Vortrag an der Hamburger Universität beschrieb er die Zeit dort als grausig und furchtbar: »Sie halten mir die Elektroden an die Fußsohlen. Ich kann nicht sitzen bleiben, es ist, als fahre mein Körper von alleine vom Boden auf. Ich spüre den Strom im ganzen Körper.« So beschrieb Kurnaz die Folter im Gefangenenlager: »Es knallt, es tut sehr weh, ich fühle Wärme, Schläge, Krämpfe, meine Muskeln verkrampfen sich, sie zucken, es schmerzt. Ich höre mich schreien. Ich weiß nur: Entweder werde ich in Ohnmacht fallen oder streben.«

Während der fünf Jahre im Gefangenenlager hatte er keinen Kontakt zur Außenwelt. Sein Rechtsanwalt Bernhard Docke schilderte dem Publikum die Problematik. Laut Docke wäre eine frühere Entlassung möglich gewesen. Es scheiterte daran, dass sich keine Regierung, weder die deutsche noch die türkische, für Kurnaz verantwortlich fühlte. Obwohl Murat Kurnaz in Bremen geboren und aufgewachsen ist, besaß er die türkische Staatsbürgerschaft. Als türkischer Staatsangehöriger ist die Türkei eigentlich für ihn verantwortlich. Für die türkische Regierung ist Kurnaz jedoch ein »Deutsch-Türke« und somit ein Fall für die deutsche Regierung.

Erst nach einer Sammelklage fand am 31. Januar 2005 das entscheidende Gerichtsverfahren statt, berichtete Docke. Das Gericht stellte fest, dass seine Inhaftierung rechtswidrig gewesen sei und Kurnaz keine Bedrohung darstelle. Erst nach weiteren diplomatischen Verhandlungen wurde er im August 2006 aus Guantánamo entlassen.

In der Fragerunde am Ende seines Vortrags betonte Kurnaz, dass sein Glaube an Gott ihm die Kraft gegeben habe, die vielen Jahre im Gefangenenlager zu überstehen. Heute engagiert sich der Ex-Guantánamo-Häftling in Bremerhaven für Jugendliche mit Gewalt- und Drogenproblemen.

Charalampos Pavlidis, Hochschulgruppe 1006